*Auszug
Der Vortrag
1
Du musst etwas verwechselt haben,
denn ich stand nicht auf dem Podium,
um die "wohlüberlegten moralischen Urteile"
zu begründen. Ich saß vielmehr unten
im Saal zwischen einer alten Dame,
für die "gut" und "schlecht" keiner Begründung
bedurfte, und einer jungen blonden Frau,
die unablässig seufzte und sich Notizen machte,
die ich nicht entziffern konnte.
2
Mir kam es sonderbar vor, daß alle
moralischen Urteile so rasch veralten,
was den Vortragenden nicht bekümmerte,
aber er lebte davon. Als er versuchte,
die "richtigen Bedürfnisse" von den "falschen"
zu trennen, mußte ich an dich denken:
"Jeder soll tun, was er für richtig hält,
auch wenn es sich als falsch herausstellt."
War es nun objektiv richtig oder falsch,
wie wir uns verhalten haben? Die Antwort
des Philosophen ist, daß es keine Antwort auf diese Frage geben kann,
und zwar
aus sprachanalytischen Gründen.
3
Nach dem Vortrag bin ich in eine Bar
gegangen und habe einen Gin-Tonic
auf dein Wohl getrunken. Natürlich gibt es
keine höhere Welt, aus der wir unsere
"moralischen Urteile" zugewiesen bekommen;
es gibt nur den historischen Schlendrian,
in dem sie sich irgendwie entwickelt haben
und in dem sie nun irgendwie zerfallen sind.
Geblieben sind moralische Gefühle,
eine Art Trinkgeld der Philosophie.
Kürzlich schrieb mir ein Freund aus Amerika,
er wolle nur noch das Wedeln des Schwanzes
seines Hundes beschreiben, eine andere Literatur
könne er sich nicht mehr vorstellen.
4
Ich war froh, wieder zu Hause zu sein
in den fremden vier Wänden. Stundenlang
habe ich meine Bücher umgestellt, viele
aussortiert, an die ich fest geglaubt hatte;
aber es ergab sich keine wirklich neue Ordnung.
Ich ahne, was falsch ist, ich glaube zu wissen,
was vernünftig ist, ich habe mich bemüht,
mir die richtigen Sätze zu merken.
Aber sie ließen sich nicht merken.
Im Traum tat ich etwas, das zugleich
moralisch und vernünftig und richtig war,
es hatte mit dir zu tun. Übrigens
ein Alptraum, aus dem ich schweißüberströmt erwachte.
AuszugEnde*