Freitag, 5. Dezember 2014

Eisenzeit
 

Klirrend trete ich ins Freie. Eisern bin ich geworden vom Warten. Metallisch schmeckt das Wasser, das Brot. Der Wind greift mit Tausend toten Fingern aus dem Wald, der aber rührt keinen Zweig. Starr steht er gegen den stahlgrauen Himmel gelehnt. Starr steh ich allein. Eine Krähe fliegt auf. Die Zeit der Minne ist vorbei, hohe Frau. Jetzt gehe ich los, um dich zu schlagen. Ich schlage dich in Eisen. In Eisen will ich dich fassen.
 

Blumen, Lieder, arabische Vögel ließ ich dir zustellen, das Geheimnis der Zahlen entdecken, das einzige Kraut gegen Schwermut aus China holen. Mein Vaterhaus, die Ländereien, das Gebetbuch der Mutter, noch den Knochen unseres Hofhunds, alles tauschte ich ein gegen Geschmeide und Gefälligkeiten, die dich nicht einmal ein Achselzucken kosteten. Zuletzt brachte ich den Rest meiner Ehre mit deinen Kutschern und Dienstboten durch, die ich in der Schenke freihielt, um dir wenigstens in ihren Trunkreden näher zu kommen. Dabei wurde mir das Herz nur schwerer und schwerer. Zu Eisen wurde mein Herz.
 

Ich ließ mir Haare und Bart wachsen und lebte auf einem Baum, um mich zwischen Himmel und Erde leichter zu fühlen. Doch träumte ich bleischwer von Dir. Nachts stieg ich herab, tötete deine Soldaten und wälzte mich in ihrem heißen Blut, das du mit bittenden Blicken zur Wallung gebracht hattest. Ich setzte Brücken und Kornspeicher in Brand. Gegen dein ganzes Anwesen zog ich in den Krieg, denn dein Wesen ließ mir keinen Frieden. Das Vieh trieb ich aufs Feld, die Schweine in den Wald. Die Keuschheit predigenden Pfaffen knüpfte ich an der großen Glocke auf. Den schneidigen Jäger weidete ich aus und setzte ihn lebensecht in den befreiten Hasenstall. Die Stadträte ließ ich im Hühnerhof krähen, bis genug mittelloses Bauernvolk geweckt war, das mit den Steuereintreibern ein Hühnchen zu rupfen hatte und all die ungelegten Eier abnahm. Das gab ein Geschrei! Aber in mir schrie es lauter nach dir.
 

Dachte ich an dich, und ich dachte immerzu nur an dich, fühlte ich mich überall wund. Aber ich blutete nicht mehr. Erzadern durchliefen mein Inneres. Mein Gemüt war porentief verrußt wie das Gesicht eines Minenarbeiters. Meine Haut wurde grau und glatt und kalt. Ein Rasseln begleitete jeden meiner Schritte. Alle Lebewesen flüchteten, sobald sie mich kommen hörten. Der Eisenmann kommt, brüllten die Kinder. Da wollte ich nicht mehr sein.
 

Ich stürzte mich in den Fluss, aber der Fluss nahm mich nicht mit. Ich stürzte mich vom Berg, aber der Fels war zu weich. Ich stürzte mich ins Vergessen, aber dein Bild ließ mich nicht verblassen. Da flog ein schwarzer Vogel aus meinem Hals und wies mir den Weg in dein Versteck. Nun bin ich da, nun hole ich dich.
 

Der Eisenmann ist da und schlägt dich in Eisen, in Eisen, das ist wie ich. Um deinen Hals türme ich Ringe auf Ringe, über denen hoch oben unabwendbar dein Kopf thront. An deine Gelenke lege ich Eisenmanschetten, um deine Arme und Beine, wie die Schuppen des Fisches, Schellen aus Stahl. Deine Mitte verschraube und schraube ich eng mit einem eisernen Korsett. Deine Schenkel kommen in Eisen, und in eiserne Handschuhe schlüpfst du, und für mich trägst du Stiefel aus Stahl. Nur deine Scham, die Brüste, deine Lippen, die Stirn, die Wangen, die Ohren verkleide ich mit hauchzarten Blättchen aus purem Gold.
 

In Eisen begraben bist du, mein Leben. Nie wieder kommt auch nur der kleinste Teil von dir frei. Ich bin das Eisen, das dich für immer umarmt. Das Eisen und ich sind eins und du bleibst in uns.
 

Weine nicht. Es gibt keine Rettung. Das ist das eherne Gesetz.
 

Vielleicht, vielleicht aber fällt wie der einsame Zahn aus dem Greisenmund ein Funken sinnloser, quälender, allerletzter Liebe aus meinem Auge auf deine goldene Scham. Den setze ich dir ein, meine Frau in Eisen. Mit kindlichem Interesse entfachen mehr und mehr Finger in der Esse das Feuer, die jungenhafte Hand wird es dann schüren, die männliche Faust schlussendlich entschlossen zur Weißglut treiben. Von innen heraus wirst du verglühen, Ritterin in der Rüstung, du musst dich in mich, in die eherne Form, deinen Eisenpanzer, ergießen, und du wirst dich, ganz Glut, mit mir mischen, denn ich brenne da draußen, brandschatze dir entgegen,
verheere, vergehe, ich zerfließe in diesem Feuer ja auch. Ununterscheidbar sind wir, flüssiger Stein, den die Hölle ausspuckt. Und auf der Kanonenkugel, zu der wir im Flug verschmelzen, reitet der Baron aller Lebenslügen – auch dieser, ach, auch dieser – lachend in einen furchtbar finsteren Himmel hinein bis zum Mond.


© Artys

 

~ Mit herzlichem Dank ~