Die Leserin
Sie hatte den Gehweg beinahe für sich allein. Das Wetter war zu wechselhaft. Sie mochte das. Für einen winzigen Augenblick griff ihr eine Lichthand in die Brust und hob das Herz unendlich sacht an.
Der poetische Hund lief mit sehr nachdenklicher Nase im Zickzack ihren Blicken hinterher: In der Luft schlierte nämlich noch der Duft eines Gedichtes, das in dieser Straße unterwegs gewesen sein musste. Sie führte ihn ohne Leine aus. Während das Versmaß, das sein Halsband beim Laufen metallisch anschlug, ihre Gedanken einlullte, schaute sie an den Rändern einer scharf gezeichneten Wolke vorbei ins Blau und spürte, wie der Druck von den Augen abflog. Sie träumte oft davon, beim Gehen schlafen zu können. Wie gut erholt käme man dann an!
Der Hund schnüffelte ein paar Schritte voraus bei einem Kiosk an einem Zeitungsständer. Er drehte und wendete sich dabei und war sichtlich erregt, was sie insgeheim peinlich berührte, da konnte sie noch so aufgeklärt sich selbst ins Gewissen reden. Der Hund wollte diesen speziellen Geruch, der ihm lüstern die Nase kitzelte und der sich beim Kiosk verdichtet haben musste, einem lebenden Wesen zuordnen. Das Unbekannte sollte aus dem Unbekannten heraus, es war ja bereits da. Das Fremde roch intim. Vermutlich begriff sich der Hund selbst als etwas Unbekanntes. Oder das Unbekannte war für ihn etwas von seiner eigenen Art, roch wie er und doch verführerisch anders, ging ihr flüchtig durch den Kopf. Er wollte sich ohne Zweifel paaren.
Der Zeitungsständer war mit internationalen Blättern gefüllt. An seiner Spitze, wie der Stern auf einem Weihnachtsbaum, war eine kleine Tafel angebracht. Auf ihr stand aufgemalt:
Luftpolsterkuverts
in vielen Formaten hier
erhältlich
Ihr Hund, der in Wirklichkeit natürlich nicht existierte, hatte also tatsächlich das Gedicht entdeckt und gestellt. Sie blieb davor, wie man so sagt, wie angewurzelt stehen und las es mit offenem Mund.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann schob sich eine Wolke über die andere und schloss wieder den Riss am Himmel. Aber in dem kurzen Moment umfasste diese simple Mitteilung auf dem Zeitungsständer ihr ganzes Wesen und jubelte in ihr als eine unsagbar berauschende Einsicht, sprach sie an als erschreckend schönes Gedicht, das alles Gewicht ihrer Welt aufhob. Es war das reinste Glück.
© Artys 2014
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~ Mit herzlichem Dank ~